• Veröffentlichungsdatum : 15.06.2022
  • – Letztes Update : 22.06.2022

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Russland in der Ukraine

Anna Hlawatsch, Selina Lukas

Am 24. Februar 2022 erreichte den Westen ein Hilferuf der Ukraine. Mit einem großangelegten Angriff hatte Russland die Invasion auf das gesamte Staatsgebiet der Ukraine gestartet. Trotz des seit 2014 schwelenden Russisch-Ukrainischen Konfliktes traf der Kriegsbeginn die Weltöffentlichkeit unvorbereitet. Ein Krieg in Europa galt bis zu diesem Zeitpunkt als nicht vorstellbar. Drei Monate später ist ein rasches Ende des Krieges nicht absehbar. TRUPPENDIENST-Redakteurin traf Brigadier Mag. Philipp Eder am 2. Mai 2022 zum Interview.

TRUPPENDIENST: Im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg wird häufig von einem möglichen Weltkrieg gesprochen. Ist ein solches Szenario realistisch?

Philipp Eder: Grundsätzlich nicht, da die russische Föderation nur die Ukraine räumlich als Angriffsziel definiert. Das hat der Kreml mehrfach getan, auch wenn sich die Ziele dort seit dem Einmarsch geändert haben. Zu Beginn waren der Sturz der Selenskyj-Regierung und die Neutralisierung der ukrainischen Armee das Ziel des Angriffes. Jetzt sind vor allem der Donbass und der Süden der Ukraine für Wladimir Putin von Bedeutung. Man darf davon ausgehen, dass die russische Regierung kein Interesse daran hat, einen dritten Weltkrieg auszulösen, ebenso wenig wie die USA und China.

TD: Was würde ein Weltkrieg für das neutrale Österreich bedeuten?

Eder: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass der Wert von Neutralität letztlich immer vom Aggressor abhängig ist. Österreich würde zwar alles daransetzen, sich so gut wie möglich aus einem Weltkrieg herauszuhalten, letztlich ist aber jedes Land irgendwie von einem Weltkrieg betroffen. Unsere Neutralität ist so definiert, dass wir an keinem Krieg direkt teilnehmen, das setzt aber voraus, dass Aggressoren ausschließen, Österreich zum Kriegsschauplatz werden zu lassen.  

TD: Der Westen hält sich militärisch im Ukraine-Krieg zurück. Woran liegt das?

Eder: Das liegt vor allem daran, dass die russische Föderation über Atomwaffen verfügt. Jedes militärische Eingreifen des westlichen Verteidigungsbündnisses, der NATO in der Ukraine würde zwangsläufig dazu führen, dass es dort zu Kampfhandlungen mit russischen Truppen kommen würde. Tritt dieses Szenario ein, besteht die Möglichkeit eines Atomkrieges. Das will der Westen verhindern. Viele europäische Staaten und die USA oder auch Kanada sind aber dennoch stark in den Konflikt involviert. Sie unterstützen die Ukraine durch wirtschaftliche Förderungen und Waffenlieferungen. Zudem gibt es auch eine militärische Zusammenarbeit, etwa bei der Aufklärung, und der Westen bekundet offen seine Solidarität durch diplomatische Treffen. Gleichzeitig wurde Russland mit harten Wirtschaftssanktionen belegt.

TD: Russland bombardiert die ukrainische Infrastruktur, um diese Lieferungen zu verhindern. Erreichen sie dennoch ihr Ziel?

Eder: Satellitenbilder und andere Quellen bezeugen, dass große Teile der Waffenlieferungen bei den Truppen ankommen. Allerdings hat Russland in den vergangenen Wochen verstärkt versucht, mit Aufklärungskräften diese Lieferungen, darunter auch Munition, Treibstoff, Verpflegung und Sanitätsmaterial, so gut es geht zu unterbinden. Hinzu kommen regelmäßige Bombenangriffe auf Städte wie die Hafenstadt Odessa, wodurch die russische Seite zumindest behauptet, Waffen- und Treibstoffdepots der Ukraine zerstört zu haben. Gleichzeitig ist die Schwäche der russischen Luftstreitkräfte überraschend. Eigentlich müssten sie mittlerweile dazu imstande sein, jede Bewegung der ukrainischen Truppen aus der Luft zu unterbinden. 

TD: Hat Putin die Resilienz der ukrainischen Streitkräfte unterschätzt?

Eder: Ja, diesbezüglich sind wir uns sehr sicher. Putin dürfte vor und zu Beginn des Krieges vor allem den ukrainischen Präsidenten (Wolodymyr Selenskyj; Anm.) unterschätzt haben. Russland ging zu Kriegsbeginn von einer Annexion ohne großen Widerstand aus. Dass dieser Widerstand anhält, ist für den Kreml nicht nachvollziehbar und schürt das Narrativ, dass der Westen hinter allem steckt. Eines ist sicher, wer auch immer die Aufklärungsergebnisse vor dem Einmarsch an Putin übermittelt hat, bekam im Verlauf des Krieges Erklärungsbedarf. Dass Putin mittlerweile ausreichend über das Kriegsgeschehen informiert wird, ist spätestens nach dem Rückzug der Truppen im Norden offensichtlich. Ein derartiger Strategiewechsel ist nur durch Weisung des Präsidenten möglich. 

TD: Wie sehen Sie die Rolle Selenskyjs im Ukraine-Krieg?

Eder: Er hat, und dass für viele unerwartet, ab dem ersten Tag für die Verteidigung der Ukraine richtig reagiert. Alle Angebote, das Land zu verlassen, wurden abgelehnt. Er tritt als oberster Befehlshaber mit Soldaten ins Gespräch und schildert die Lage der Ukraine medienwirksam. Diese Entscheidungen haben letztlich dazu beigetragen, dass der Widerstand der Ukraine ungebrochen ist. Kurz zuvor haben wir in Afghanistan das genaue Gegenteil erlebt. (Präsident Ashraf Ghani hat am 15. August 2021 Kabul verlassen, nachdem die Hauptstadt von den Taliban umstellt worden war; Anm.) Dass sich Selenskyj nach wie vor in Kiew aufhält, hat eine starke Symbolkraft. Was scheinbar ebenfalls eine große Rolle spielt ist, dass Selenskyj lange vor Kriegsbeginn sowohl die Spitze des Verteidigungsministeriums als auch die Streitkräfteführung gegen westlich orientierte Personen ausgetauscht hat. Insgesamt wirkt die Führung dadurch geeint, nicht zuletzt, weil die Opposition hinter der Verteidigung steht. Die Diskrepanz zwischen der strategischen Zielsetzung und der militärischen Umsetzung der russischen Streitkräfte hat in den ersten beiden Kriegsmonaten zudem dazu geführt, dass die ukrainische Armee Zeit hatte, sich zu organisieren. Der Kriegsverlauf ist vor allem der schlechten Vorbereitung Russlands und dem geschickten Ausnützen dieser Schwächen geschuldet. 

TD: Ein Ende des Krieges scheint dennoch nicht in Sicht. Wie lange kann die Ukraine durchhalten?

Eder: Die Durchhaltefähigkeit hängt von vielen Faktoren ab, vor allem aber von der Moral und dem Zustand der Truppe. Die Ukrainer als Verteidiger ihres Landes sind sicherlich motivierter als der Aggressor Russland. Hinzu kommt, dass vor allem junge russische Soldaten offenbar die Sinnhaftigkeit des Einmarsches anzweifeln. Strategisch betrachtet ist die Russische Föderation nicht nur flächenmäßig größer, sondern auch liquider als die Ukraine, da sie über mehr Ressourcen verfügt. Einen Abnützungskrieg könnte Russland deshalb besser durchhalten als die Ukraine. Letztlich hängt die Resilienz der Ukrainer von den Unterstützungsleistungen des Westens ab. Daher die Bemühungen Russlands, diese zu unterbinden. Wenn sich der Konflikt von der derzeit konventionellen Kriegsphase in einen Abnützungskrieg wandelt, ändert sich lediglich der Charakter des Krieges. Das gleiche gälte, wenn die Ukrainer einen Partisanen-Krieg beginnen sollten und der Konflikt auf Dauer militärisch ausgetragen wird. Das wiederum ist für Russland von großem Interesse, denn, solange in der Ukraine Krieg herrscht, wird sie weder in die NATO noch in die EU aufgenommen.

TD: Wie könnte der weitere Kriegsverlauf aussehen?

Eder: Vermutlich wird der Krieg über die nächsten Jahre anhalten. Beide Seiten werden versuchen, von ihrem Gegenüber möglichst viele Gebiete zurückzuerobern. Immer wieder wird es aber auch Waffenstillstände geben. Ein wichtiges russisches Kriegsziel ist die Hafenstadt Odessa, für die Ukraine der letzte Meereszugang für den Handel. Würden sie die Stadt verlieren, ginge es ihnen plötzlich als Binnenland wie einst Österreich nach dem Ersten Weltkrieg. Die Einnahme Odessas ist strategisch wichtig für Russland, um die Ukraine zu schwächen. Eine kurzfristige Einnahme durch Russland ist aber derzeit unrealistisch. 

TD: Gibt es einen Zeitpunkt oder eine Handlung Russlands, die den Westen dazu veranlassen könnte einzuschreiten?

Eder: Ja, wenn NATO-Territorium wie die baltischen Staaten, Polen, Ungarn, Slowenien, Slowakei, Tschechien angegriffen wird. Ein Vordringen Russlands im Süden der Ukraine Richtung Transnistrien würde ebenfalls eine Bedrohung für das EU- und NATO-Mitglied Rumänien darstellen. Derzeit ist das nicht der Fall. Ich glaube, dass die russischen Kräfte aktuell auch keinen Angriff auf ein weiteres Land erfolgreich durchführen können.

TD: Wie könnte ein solcher Einsatz aussehen und wer hätte die Hoheit?

Eder: Sollte es zu einem Angriff auf ein NATO-Mitgliedsland kommen, würden alle anderen Mitgliedsstaaten durch die NATO zu militärischen Beistandsleitungen verpflichtet werden. Die Planung und Hoheit dieses Angriffes ist NATO-Aufgabe. Derzeit gibt es keinerlei Planung und auch keine Anzeichen dafür, dass ein derartiges Szenario vorbereitet wird. es ist aber zu befürchten, dass ein solcher Angriff nicht konventionell, sondern mit Atomwaffen beantwortet werden würde. 

TD: Was wäre ein realistisches Ziel?

Eder: Sollte sich die Russische Föderation in ihrer territorialen Souveränität konkret bedroht fühlen, etwa durch konventionelle Kriegshandlungen, könnte Russland ein Zeichen setzen und etwa in Nordalaska oder über Meeresgebiet – jedenfalls auf unbewohntem Gebiet – eine Atomwaffe zünden. Was aber eine ähnliche Gegenantwort des Westens bedeuten würde. Sollte sich Russland durch Atomwaffen bedroht fühlen, wird ihr Angriff vermutlich auf die Standorte dieser Waffen zielen. Ein nuklearer Erstschlag, also das Auslösen eines  Atomkriegs, würde einen Gegenschlag, den sogenannten „Zweitschlag“, durch Luft-, See- oder Landstreitkräfte provozieren. Die Eskalation ist dann kaum mehr zu stoppen.

TD: Wladimir Putin hat zuletzt von „blitzschnellen“ Schlägen gesprochen, sollte es zu weiteren Einmischungen westlicher Staaten kommen. Was könnte er damit gemeint haben?

Eder: Russland sieht die Waffenlieferungen des Westens in der Ukraine als legitime Ziele. Mit diesen „blitzschnellen“ Angriffen ist, so vermuten wir, der Beschuss der ukrainischen Infrastruktur bzw. der Transporte gemeint. Seit Wochen bombardiert Russland diese, um Waffenlieferungen zu unterbinden. Was Putin letztlich wirklich meint, liegt wie bei ihm so oft im Graubereich und dient vor allem der psychologischen Kriegsführung.

TD: Was unterscheidet die russische Kriegsführung in der Ukraine von jener in anderen Kriegen?

Eder: Vergleichbar ist dieser Krieg mit den Anstrengungen der ehemaligen Sowjetunion 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei, ihr benachbartes Territorium abzusichern. Wir wissen, dass die Russische Föderation zwischen sich und der NATO Puffer-Staaten möchte wie zu Zeiten der Sowjetunion. Als Auslöser für den Einmarsch gilt deshalb auch die voranschreitende Westorientierung der Ukraine und die Sorge Russlands, die Ukraine könnte der NATO beitreten. Der Kreml hat jedoch unterschätzt, dass jene Ukrainer, die sich einst der Russischen Föderation zugehörig gefühlt haben, mittlerweile eine ukrainische Staatsidentität gewonnen haben. Viele von ihnen werden sich deshalb nicht freiwillig Russland anschließen. Das sieht man vor allem an der aktuellen Kampflinie im Donbass. 2014 hat Putin den Osten und Süden der Ukraine als „Neurussland“ bezeichnet.

TD: Welche Probleme könnten dem Kreml drohen, wenn annektierte Gebiete wie „Neurussland“ zu Russland gehören? 

Eder: Sollte Putin dort das Kriegsziel für erfüllt erklären und es in weiterer Folge zu Volksabstimmungen hinsichtlich einer Abtrennung von der Ukraine kommen, werden diese Gebiete mehr oder weniger freiwillig russisch. Aller Voraussicht nach wird es in weiterer Folge dort zu Partisanen-Kriegen kommen. Für Putin könnte das zum Problem werden, denn diese Gebiete werden ständig lodernde Krisenherde bleiben. Russland wird deshalb versuchen, Aufstände mit voller Brutalität zu unterbinden, was schließlich in einem Genozid enden könnte, wie wir bereits jetzt in einigen Gebieten feststellen. Ob es der Ukraine in weiterer Folge gelingt, die Partisanen-Kriege aufrechtzuerhalten, ist fraglich. Um Russland zum Abzug zu bewegen müsste der Widerstand über lange Zeit dauern, was wiederum mit blutigen Verlusten, vor allem in der Zivilbevölkerung, einhergehen würde. Partisanen-Kriege brauchen immer Unterstützung, in diesem Fall aus dem Westen und der ukrainischen Bevölkerung – was die Ablehnung Russlands gegenüber dem Westen weiter verstärken würde. Letztlich würde all dies in einer Aufrüstung beider Seiten gipfeln, was weitere Eskalation bedeuten und eine nachhaltige Partnerschaft mit Russland ausschließen würde. 

TD: Die bereits früh angesetzten Friedensgespräche (kurz nach dem Einmarsch Russlands; Anm.) standen stets unter einem schlechten Stern. Gibt es einen richtigen Zeitpunkt für Verhandlungen? 

Eder: Bevor Friedensgespräche zu einem Ziel führen, muss zuvor ein Kompromiss gefunden werden. Darin wird es vor allem um die Neutralität der Ukraine, den Zustand der ukrainischen Streitkräfte, das Territorium, aber auch um die westlichen Sanktionen gehen. Denn schließlich ist dieser Konflikt nicht nur bilateral zu sehen. Russland wird Friedensschlüssen vermutlich erst zustimmen, wenn der Westen die Sanktionen gegen Russland aufhebt. Die Sondierungen werden derzeit in Gesprächen vorbereitet. Friedensgespräche sind deshalb, auch wenn sie kurzfristig zu keiner Einigung führen, zu jedem Zeitpunkt eines Konfliktes wichtig, da sie die Diplomatie aufrechterhalten. 

TD: Wie könnte eine Basis für diese Friedensverhandlungen aussehen? 

Eder: Beide Seiten müssen ihrem Gegenüber etwas anbieten. Die Ukrainer könnten die Krim aber auch russisch-nahe Gebiete im Donbass in Verhandlung bringen. Letztlich wäre dies aber eine Verhandlungssituation ähnlich einem Bazar. Die Ukraine wird von Russland Sicherheitsgarantien verlangen. Zuletzt waren auch Großbritannien und China in diesem Zusammenhang im Gespräch. Ein solches Abkommen ähnelt jedoch einer Bündnis-Mitgliedschaft, die Russland auch in Zukunft ablehnen wird. All diese Faktoren machen die Verhandlungen sehr komplex. 

TD: In welcher Beziehung stehen Russland und China? 

Eder: Sie sind eine Zweckgemeinschaft mit dem gemeinsamen Gegner USA. Das Verhindern einer Stärkung der USA ist ihr geeintes Ziel. Die Beziehung ist von einem starken Misstrauen geprägt, nicht zuletzt wegen der vergangenen Kriege zwischen den Staaten. Russland ist daher darauf bedacht, sich nicht in große Abhängigkeit Chinas, aufgrund der aktuellen westlichen Sanktionen, zu begeben. China hält sich wiederum bei der Unterstützung Russlands im Ukraine-Krieg stark zurück. 

TD: Wie könnte die Welt bzw. Europa nach dem Ukraine-Krieg aussehen? 

Eder: Die Beziehungen von Staaten sind stark von Vertrauen abhängig – im Kalten Krieg wurde bereits deutlich, wie schwer es ist, vertrauensbildende Maßnahmen zu setzen. Durch Transparenz bei der Streitkräfteentwicklung und bei Übungen, aber auch durch Plattformen über Waffensysteme, hat man in den vergangenen Jahrzehnten versucht, Misstrauen abzubauen. All diese Bemühungen sind mit dem Einmarsch der Russischen Föderation in die Ukraine gescheitert. Die Herausforderung für den Westen wird es deshalb sein, wie man in Zukunft mit Russland umgehen will. Aufgrund der geografischen Nähe wird der Westen weiterhin Anknüpfungspunkte mit Russland haben, sowohl was Handelsbeziehungen als auch z.B. den Tourismus anbelangt. Alleine deshalb wird es zu einem Friedensschluss mit Russland kommen müssen, der aber durch Misstrauen gekennzeichnet sein wird. Russland wird in weiterer Folge, aufgrund der Verluste im Ukraine-Krieg, die Rüstungsindustrie hochfahren. Das könnte vom Westen als Bedrohungssignal gewertet werden – was in einem Wettrüsten gipfeln könnte. In diesem Klima des Misstrauens reichen schon kleine Funken, etwa im Baltikum, wo es Probleme mit russischen Minderheiten gibt. Die Zukunft hängt davon ab, wie Russland mit dem Westen kommunizieren wird und vice versa.

TD: Es gibt die Angst, dass Putin nicht nur die Ukraine, sondern auch andere Staaten angreifen könnte. Wie real ist diese Gefahr und welche Länder wären betroffen? 

Eder: Die große Frage ist, wie potent die russische Armee noch ist. 
Derzeit sind 80 Prozent des Präsenzheeres eingesetzt. Russland hat bisher keine Form der Mobil- bzw. Teilmobilmachung ausgerufen. Kurz- bzw. mittelfristig ist somit auszuschließen, dass Russland ein anderes Land erfolgreich angreifen wird. Gleichzeitig darf das generelle Potenzial der russischen Armee nicht unterschätzt werden. 
Möglich wäre ein weiterer Angriff nach einer Generalmobilmachung in Georgien oder Transnistrien. Ob aber das russische Gerät, das derzeit in Depots gelagert ist, einsatzbereit ist, ist fraglich.Was in fünf bis zehn Jahren passiert, ist nicht absehbar. Das hängt davon ab, wie sich die Europäische Union, aber auch die Dynamik in Ländern wie Ungarn, Slowenien und Polen entwickelt. Die Welt wird in den kommenden Jahren jedenfalls unberechenbarer werden, als sie es in den vergangenen dreißig Jahren war. 

TD: Zu Beginn des Krieges war oft von westlichen Werten die Rede, die in der Ukraine verteidigt werden würden. Was wird tatsächlich in der Ukraine verteidigt? 

Eder: In der Ukraine wird die auf dem Völkerrecht basierende Weltordnung verteidigt. Das Entsetzen des Westens über den Einmarsch der Russischen Föderation beruht darauf, dass es im Völkerrecht ein Verbot für einen derartigen Angriffskrieg gibt. Diesem Verbot hat sich auch Russland unterzogen. Gleichzeitig sind vor allem Deutschland und Österreich durch den Zweiten Weltkrieg zu der Erkenntnis gelangt, dass Krieg zu führen, keine Lösung sein kann. Nach wie vor gibt es Befehlshaber, darunter Putin, die das anders sehen. In unser aller Interesse muss es daher sein, dass ein derartiges Verhalten Russlands nicht erfolgreich ist.

Chronologie des Konfliktes

Stand: Anfang Mai 2022.

Der russisch-ukrainische Konflikt reicht tief in die Geschichte beider Staaten zurück. Der heutige ukrainische Staat besteht erst seit 24. August 1991 – beruft sich aber auf eine 1 000-jährige Geschichte. Während dieser Zeit waren Gebiete der Ukraine unter anderem Teil des zaristischen Russlands, von Österreich-Ungarn oder der Sowjetunion.

Ab dem 16. Jahrhundert gehörten Gebiete der Ukraine zu Polen-Litauen. Die Kosaken – schlagkräftige Reiterverbände – kämpften gegen die polnisch-litauische Herrschaft und etablierten im 17. Jahrhundert ein autonomes Staatswesen, das Hetmanat. Im Jahr 1654 stellten sie sich unter die Herrschaft der russischen Zaren. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich eine ukrainische Nationalbewegung, die sich gegen das Zarenregime stellte. 
1918 wurde die ukrainische Volksrepublik gegründet, die 1922 als Ukrainische sozialistische Sowjetrepublik (SSR) Teil der Sowjetunion wurde. 1954 erhielt diese SSR ein symbolisches Geschenk zum 300-Jahre-Jubiläum der russisch-ukrainischen Einheit (Bündnis zwischen Kosaken und Zaren): die Halbinsel Krim. 

Als die Sowjetunion 1991 zerfiel und die Ukraine zum souveränen Staat wurde, entwickelte sich dieses Geschenk zu einem Streitpunkt in der russisch-ukrainischen Beziehung. 1994 übergab die Ukraine ihr gesamtes Atomwaffenarsenal an Russland, im Gegenzug wurde ihre Souveränität garantiert (Budapester Memorandum). Die russische Einflusssphäre verkleinerte sich, und die Ukraine wandte sich dem Westen, der EU und der NATO, zu. Seither versucht man in der Ukraine, den Spagat zwischen Ost und West zu schaffen.

Annexion der Krim 

Ende Februar 2014 begann ein bewaffneter Konflikt in der Ostukraine. Durch die völkerrechtswidrige Annexion der Halbinsel Krim sicherte sich Russland den strategisch wichtigen Zugang zum Schwarzen Meer. Im Donbass (ostukrainische Oblasten Donezk und Luhansk) wurden prorussische bewaffnete Milizen aufgebaut. Sie kämpften unter anderem (mit russischer Unterstützung) gegen die ukrainischen Streitkräfte. Internationale Vermittlung führte im September 2014 und Februar 2015 zu den Minsker Abkommen, die einen dauerhaften Waffenstillstand garantieren sollten. 

Spannungen nehmen zu 

Bis zum Jahr 2021 schien die Lage weitgehend ruhig zu sein – zumindest fand sie international wenig Aufmerksamkeit. Tatsächlich näherte sich die Ukraine weiter dem Westen an. Die NATO „expandierte“ Richtung Osteuropa und führte in der Ukraine (NATO-Partnerstaat) und in Kooperation mit den ukrainischen Streitkräften zahlreiche Manöver durch. 

Mitte Februar 2021 nahm die Gewalt in der Ostukraine wieder zu. Moskau und Kiew beschuldigten sich gegenseitig, den Waffenstillstand gebrochen zu haben. Der russische Präsident Waldimir Putin begann im Sommer 2021 damit, Truppen an der ukrainischen Grenze und auf der Krim zusammenzuziehen. Die Ukraine nahm an Übungen der NATO („Sea Breeze 2021“, „Cossak Mace“) teil und bemühte sich erneut um einen NATO-Beitritt. Eine NATO-Osterweiterung ist jedoch eine rote Linie für Moskau. 

Vorbereitung des Angriffes 

Anfang des Jahres 2022 nahmen die Spannungen zwischen Russland und dem Westen erneut zu. Über 100 000 russische Soldaten und schweres Gerät wurden an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen, mit der Begründung Militärübungen durchführen zu wollen. 

Der Jänner 2022 war geprägt von Befürchtungen einer russischen Invasion. EU und NATO bemühten sich durch Gespräche um Vermittlung. Russland forderte ein Ende der NATO-Osterweiterung und eine Garantie, dass die Ukraine dem Militärbündnis nicht beitritt. Für die NATO war und ist diese Zustimmung inakzeptabel. Putin sprach von einer notwendigen „Entnazifizierung“ der Ukraine und meinte, er würde „keine Farbrevolution“ in einer ehemaligen Sowjetrepublik dulden. In der Nacht auf den 22. Februar 2022 erkannte Putin die Gebiete Donezk und Luhansk als unabhängige „Volksrepubliken“ an. 

Beginn des Angriffes 

Nur zwei Tage später – am 24. Februar 2022 – leitete Wladimir Putin „Sondermilitäroperationen“ in der Ukraine ein. Russische Truppen überschritten die ukrainische Grenze. Sofort wurden gezielte Luft-, Raketen- und Artillerieschläge gegen die militärische Infrastruktur der Ukraine durchgeführt und rasch mit Truppen vorgestoßen, was auf einen Blitzkrieg hindeutete. Die USA, EU, NATO und die G7-Staaten verurteilten die russische Invasion. Noch am selben Tag wandte sich der russische Präsident an den Westen. Sollte es eine Einmischung geben, wäre mit Konsequenzen nie dagewesenen Ausmaßes zu rechnen; das wurde als Androhung des Einsatzes von Nuklearwaffen interpretiert. Was in den vergangenen Jahrzehnten undenkbar war, wurde zur Realität: ein Angriffskrieg in Europa.

Krieg in Europa 

Ein rasches Vorstoßen und das Einnehmen der Hauptstadt Kiew schien das Ziel der russischen Streitkräfte zu sein. Die EU und die USA verhängten als Reaktion harte Wirtschaftssanktionen gegen Russland, die seither schrittweise verschärft werden. Anfang April war sogar ein Öl- und Gasembargo im Gespräch. Am 27. April 2022 stoppte Russland schließlich die Gaslieferungen an Polen und Bulgarien.

Am 25. Februar 2022 rief der ukrainische Präsident Selenskyj die Generalmobilmachung aus – Männer zwischen 18 und 60 Jahren durften das Land nicht mehr verlassen. Russische Truppen griffen von Osten, Süden und Norden an. Vor allem der Südosten wurde zum Schauplatz heftiger Gefechte, aber auch das Gebiet rund um Kiew war hart umkämpft. Den russischen Streitkräften gelang es jedoch nicht, die Hauptstadt einzunehmen – sie scheiterten unter anderem an Versorgungsproblemen und dem ukrainischen Widerstand. 

Nach über einem Monat Krieg wurden Anfang April 2022 Bilder und Berichte von Kriegsverbrechen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung bekannt. Putin verlieh am 17. April 2022 einen Ehrentitel an jene Brigade, der Kriegsverbrechen in der Stadt Butscha vorgeworfen werden. Im Westen wurde dies als Provokation aufgefasst. 
Zur selben Zeit begann der Rückzug russischer Truppen aus dem Westen der Ukraine und dem Gebiet um Kiew. Die Armee verlegte ihr Schwergewicht in den Osten der Ukraine (Donbass). Dort kam es unterdessen (z. B. in der Stadt Mariupol) zu schweren Gefechten. Das Gelände eines Stahlwerkes wurde zum Schauplatz des Kampfes zwischen russischen und ukrainischen Verbänden. 

Leidtragend war und ist vor allem die ukrainische Zivilbevölkerung. Laut UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) sind (Stand 27. April 2022) mehr als 5,3 Millionen Menschen aus der Ukraine geflüchtet und über sieben Millionen Menschen innerhalb des Staates auf der Flucht. Die humanitäre Situation in den umkämpften Städten ist zum Teil katastrophal. Von ukrainischer Seite geforderte Fluchtkorridore werden zwar immer wieder vereinbart, aber oft nicht eingehalten.

Angesichts des aggressiven Vorgehens Russlands beginnt in Europa ein Umdenken. Die Priorität der Erhöhung von Verteidigungsbudgets und multilateraler militärischer Schulterschlüsse steigt sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik. In den beiden bündnisfreien Staaten Schweden und Finnland ist die Zustimmung zu einem NATO-Beitritt seit Kriegsbeginn stark angestiegen. Beide Staaten verfügen über modern ausgerüstete Streitkräfte und könnten schnell Bündnispartner werden. Russland sieht den potenziellen Beitritt als Bedrohung und droht auch dort mit Konsequenzen.

Ausblick 

Eine Verhandlungslösung zur Beendigung des Krieges scheint immer weiter in die Ferne zu rücken, gilt aber nicht als völlig unmöglich. Im derzeitigen Abnützungskrieg stellt sich die Frage, ob Russland oder die Ukraine den längeren Atem bzw. mehr Ressourcen haben. Wie auch immer sich die Nachkriegsordnung am Ende gestaltet, eines ist klar: Europa wird anders aussehen als zuvor. 

Mag. Anna Hlawatsch; Redakteurin beim TRUPPENDIENST.

Selina Lukas, MA; Redakteurin beim TRUPPENDIENST.

 

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